Das wächst sich nicht einfach aus
Warum wir schon bei den Kleinen genauer hinschauen sollten
Als Dyskalkulie-Trainerin begleite ich vor allem Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten beim Rechnenlernen. Die meisten lerne ich in der 5. oder 6. Klasse kennen. Sie haben dann oft schon Jahre voller Frust hinter sich, und die Lücken reichen weit zurück, manchmal bis zu den allerersten Zahlen. Jedes Mal denke ich: Wie viel leichter wäre es gewesen, wenn jemand früher hingeschaut hätte.
«Mathe ist halt nicht ihr Ding.» «Das kommt schon noch.» «Ich konnte auch nie rechnen.» Solche Sätze sind gut gemeint, sie sollen beruhigen. Aber manchmal verhindern sie genau das, was ein Kind am dringendsten braucht, nämlich Unterstützung.
Schätzungen zufolge haben drei bis sieben Prozent aller Kinder eine Dyskalkulie, also eine ausgeprägte Schwierigkeit, Zahlen, Mengen und Rechenoperationen zu verstehen. Das sind in jeder Klasse ein bis zwei Kinder. Mit Intelligenz oder Faulheit hat das nichts zu tun. Und es wächst sich nicht einfach aus. Ohne Unterstützung bleiben die Lücken bestehen und werden mit jedem Schuljahr grösser, weil Mathematik aufeinander aufbaut wie ein Turm aus Bauklötzen.
Die gute Nachricht: Die Grundlagen fürs Rechnen entstehen lange vor der ersten Rechnung. Schon im Kindergarten zeigt sich, ob ein Kind Mengen auf einen Blick erfassen kann, ob es weiss, dass die letzte gezählte Zahl die ganze Menge beschreibt, oder ob es versteht, dass 5 mehr ist als 3. Genau hier können Eltern und Lehrpersonen viel bewirken, und zwar ganz ohne Arbeitsblätter.
Worauf Lehrpersonen achten können
Zählt ein Kind Würfelbilder immer wieder Punkt für Punkt ab, statt sie auf einen Blick zu erkennen? Verzählt es sich häufig oder lässt Zahlen aus? Rechnet es auch in der 2. Klasse noch alles zählend, obwohl andere längst Strategien nutzen? Einzeln ist keines dieser Zeichen ein Grund zur Sorge. Treten sie gehäuft und über längere Zeit auf, lohnt sich ein genauerer Blick, etwa gemeinsam mit der schulischen Heilpädagogin.
Im Alltag ausprobieren
Zahlen gehören nicht nur ins Schulheft. Zählt beim Treppensteigen die Stufen. Fragt beim Tischdecken: «Reichen die Gabeln für alle?» oder «Wie viele Gläser braucht es jetzt noch?» Spielt Würfelspiele und ermuntert euer Kind, die Augenzahl auf einen Blick zu nennen. Sucht unterwegs Zahlen – zum Beispiel Hausnummern, auf Plakaten, Buslinien, Autonummern. Wer findet am meisten 5? Kleine Momente, die ganz nebenbei ein Gefühl für Zahlen aufbauen.
In dieser Serie schaue ich mir die verschiedenen Facetten von Dyskalkulie und Rechenschwäche genauer an: wie sie entsteht, woran man sie erkennt und vor allem, was man spielerisch tun kann. Denn je früher wir hinschauen, desto mehr können wir bewirken. Dazwischen soll auch immer wieder eine Folge mit Spielideen erscheinen.
Quelle zur Häufigkeit: netDoktor.ch – Dyskalkulie